Zehn Dekaden Handball bei FRISCH AUF!: Um das Jahr 1920.

Im ersten Beitrag der Serie "Zehn Dekaden Handball bei FRISCH AUF!" blicken wir auf das Jahr 1920 zurück. Zur Einordnung sei erwähnt, dass Deutschland in dieser Zeit die Nachwirkungen des ersten Weltkriegs zu bewältigen hatte, es durchaus aber auch schon eine Aufbruchsstimmung gab. Und wenn im folgenden vom Handball die Rede ist, dann handelt es sich im Konkreten um Feldhandball, denn der heute so populäre Hallenhandball kam erst einige Jahrzehnte später hinzu. Die im folgenden Text dargestellten Abläufe und insbesondere die Zitate stammen aus der Festschrift "30 Jahre Handball bei Frisch Auf", die im Jahr 1950 als Festschrift zum 30jährigen Jubiläum der Handballabteilung erschien.

Der Verein Frisch Auf Göppingen wurde, wie sehr viele andere Vereine auch, im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts gegründet. 1896 war dies, und der Name Turnclub "Frisch-Auf" weist auf die damals im Wesentlichen betriebene Sportart hin. In der Tradition von Turnvater Jahn hießen die in den Sportvereinen ausgeführten Haupt-Sportarten Turnen, Rasensport, Athletik oder Leibesübungen. Die Beschäftigung mit dem Ball, die vor allem unter jungen Menschen immer mehr Gefallen fand, wurde als "Spielen" angesehen und daher von den Vereinsverantwortlichen aller großen Vereine - in denen bis dato nur Faustball- und Schlagball gespielt wurde - nicht als eigene Sportart anerkannt, ja sogar bekämpft. Insbesondere der Fußballsport fand jedoch zu Beginn des 20. Jahrhunderts viele Freunde, und so gründeten sich viele eigene Fußballvereine, oftmals als Ausgründungen aus den großen Turnvereinen. Die Turnvereine mussten so aber einen großen Mitgliederverlust hinnehmen und suchten nach Wegen, diesen Schwund zu stoppen, denn insbesondere die Jugend drängte nach Rasen- und Ballspielen. Der Triumph der "Rasen- und Ballspiele, mit der luftgefüllten Gummiblase in der Lederhülle", war nicht mehr aufzuhalten.

Deshalb übernahmen die Verantwortlichen vieler Vereine "die hervorragende Idee von Karl Schelenz - dem Vater des deutschen Handballs - ein Rasenspiel zu entwickeln, das ein Turnerspiel genannt werden konnte." Insbesondere die athletischen Komponenten des Handballspiels bildeten die Brücke zum damaligen Turnsport. Vor allem in den Städten fand dieses neue Spiel Eingang in die Turnvereine, auch wenn es im Jahr 1920 noch manche Auseinandersetzung zwischen den Turnwarten und den Spielwarten gab. "Der Turnclub "Frisch-Auf" Göppingen war mit einer der ersten Vereine in Württemberg, die eine Handballmannschaft bildeten - ein Zeichen dafür, dass er stets fortschrittlich war - und so mit Bahnbrecher für den Handballsport war." Hermann Stradinger und Fritz Nägele waren im Jahr 1920 die treibenden Kräfte bei der Gründung der Frisch Auf-Handballabteilung, die im Oktober 1920 erfolgte. "Dass der damalige Vereinsvorstand Karl Salzmann kein Gegner des Handballspiels war, bewies er dadurch, dass er das erste (offizielle) Spiel des Turnclubs "Frisch-Auf" gegen die Turngemeinde Göppingen am 20. Februar 1921 als Schiedsrichter leitete."

Das Spiel gegen die Turngemeinde endete Unentschieden 1:1. Drei Spielerpositionen benannten sich mit den heute noch gängigen Bezeichnungen Torwart, Linksaußen und Rechtsaußen. Dazu gab es den rechten und linken Verteidiger, den rechten und linken Läufer, den Mittelläufer, den Halblinken und Halbrechten sowie den Mittelstürmer. Die Gegner der sich anschließenden Verbandsspielrunde lauteten neben der Turngemeinde Göppingen der Turnerbund Göppingen (beide später fusioniert zur Turnerschaft Göppingen), Turngemeinde Gmünd, Turn- und Sportverein Esslingen, Beamtenturnerbund Stuttgart, Turngesellschaft Stuttgart, Männerturnverein Stuttgart und der Stuttgarter Turnverein. In den Folgejahren bis 1924 bildeten sich bei Frisch Auf drei Jugendmannschaften und übrigens auch zwei Damenmannschaften heraus. Nicht unerwähnt bleiben kann, dass der Fußball eine große und schier übermächtige Konkurrenz war. Immer wieder wanderten in den 1920er Jahren Handballer zum Fußball im eigenen Verein ab, mancher Sportler spielten aber auch beide Sportarten parallel.

Mit zwei ganz starken Zitat-Auszügen aus den Gruß- und Geleitworten der oben benannten Festschrift von 1950 möchten wir den ersten Beitrag zur Historie abschließen:

Der damalige 1. Vorsitzende des Deutschen Handball-Bundes Willi Daume (in den 30er Jahren Feldhandball-Nationalspieler und später langjähriger Präsident des Deutschen Sportbunds und des Nationalen Olympischen Komitees) schrieb: "Der DHB weiß, dass man immer und ausschließlich die Vereine als Erste nennen muss, wenn von Verdiensten im Sport gesprochen wird. Und wenn einer unserer bedeutendsten und ruhmreichsten Vereine der Nachkriegszeit mit seinem 30jährigen Handball-Jubiläum nachweist, dass er von Anfang an - also seit der Begründung unseres Spieles - mit dabei war, dann möchte ich dies feststellen wie einen Dank. Handball-Deutschland nimmt unter aufrichtiger Mitfreude Anteil am großen Tage von "Frisch-Auf" Göppingen und verfolgt den weiteren Weg des Süddeutschen Meisters mit viel Interesse und aufrichtigen Wünschen."

Der Vereinsvorstand von 1950, Gustav M. Stotz schreib unter anderem: "Der Augenblick des Jubiläums fällt zusammen mit dem Zeitpunkt, wo unsere erfolgreiche 1. Handballelf in ganz Deutschland von sich reden macht (Anm. d. Red.: Teilnahme an der Deutschen Meisterschaft (bis ins Halbfinale) infolge des Gewinns der Süddeutschen Meisterschaft). Die vergangenen 30 Jahre sind ein Beweis für den Idealismus, die Kameradschaft und die Willenskraft eines kleinen Häufleins unentwegter junger Männer, die kaum den Klauen des Kriegs  entronnen mit dem festen Willen nach Hause kamen, durch vermehrte Anstrengungen und größeren Eifer die Lücken zu schließen, die die Kriegsfurie in den Reihen der Aktiven des Vereins gerissen hatte. So mag es gewesen sein, dass eine kleine Gruppe sich im Jahre 1920 entschloss, das Handballspielen aufzunehmen und wahrscheinlich keine Unterstützung fand, sondern höchstens mitleidig belächelt wurde. Und doch war es dieser Gruppe vergönnt, den Grundstein für eine lebenskräftige und erfolgreiche Abteilung zu legen und dadurch dem "Frisch Auf" sein heutiges Gepräge zu geben."

Quelle: Festschrift zum 30jährigen Jubiläum der Handballabteilung des Turnclubs "Frisch-Auf" Göppingen; zusammengestellt von Fritz Daferner und Siegfried Molterer im Jahr 1950.

Wenn Sie Gefallen finden an diesen zeithistorischen Informationen über den Handball und FRISCH AUF!, dann freuen Sie sich auf den kommenden Dienstag. Dann geht es um die Zeitspanne bis 1930 in der sich Frisch Auf in die württembergische Spitze des Feldhandballs hocharbeitete. Bleiben Sie einstweilen gesund!